KI ("Künstliche Intelligenz", engl. AI "Artificial Intelligence") ist gefühlt überall und verspricht alle Probleme der Welt zu lösen. Mit den nächsten paar Zeilen möchte ich mit euch einige persönliche Gedanken und Erfahrungen rund ums Thema "KI" teilen.
Zum Starten: Mein Standpunkt.
Ich bin gegen "KI überall und für alles".
Ich bin für einen sinnvollen, verantwortungsvollen, besonnenen und nachhaltigen Einsatz des Werkzeuges "KI".
So jetzt ist es raus 🙂
"Gesunden Menschenverstand", kritisches Hinterfragen, Handeln mit Empathie und Reflektieren sollen und müssen Platz haben und wenn nötig, neu gelehrt und gelernt werden.
Nicht falsch verstehen: Ich finde das Thema KI super spannend und faszinierend und ich glaube auch, dass sie uns in vielen Bereichen nützlich sein kann. Für mich ist "KI" ein weiteres, digitales Werkzeug, das überlegt eingesetzt werden soll. Es ermöglicht uns sicher in einigen Bereichen eine höhere Effizienz.
Aber das ist auch bereits einer der Knackpunkte: ist es wirklich effizient und ist Effizienz alles und um welchen Preis Wie jede neue Errungenschaft oder neues Werkzeug, denke ich, müssen wir den bewussten Umgang mit der KI entdecken und erlernen.
Finanziell, wirtschaftlich gesehen, hat der Einsatz von KI "grosse Potentiale" eine Firma oder Organisation "effizienter" zu machen:
Aufgaben können schneller erledigt werden
Mitarbeiter können fokussierter eingesetzt oder ggf. reduziert werden
Prozesse können optimiert werden (z.B. Erst-Triage von Anfragen)
Aber ist es auch das "Richtige", die richtige Lösung? Was ist unser Ziel? Ist der Einsatz der KI auch wirklich effektiv?
Bringt der KI-Einsatz wirklichen Mehrwert oder setzen wir es ein, weil es alle tun? Warum tue ich, was ich tue?
Ist schneller auch besser, qualitativer? Habe ich Angst den Anschluss zu verpassen, zu langsam zu sein?
Oder verschiebt sich die Arbeit nur und wir sind nicht wirklich effizienter?
Welchen Preis zahlen wir oder sind wir bereit zu zahlen (nicht nur finanziell betrachtet)?
Mit diesen und anderen Fragen fordere ich mich, unser Team aber auch unsere Kunden heraus, sich den Einsatz der KI gründlich zu überlegen.
Nur weil ich 10 Blog-Artikel oder 50 Aufgaben pro Tag "erledigen" kann, heisst es noch lange nicht, dass ich ein wirkliches Problem behoben oder einen wirklichen Mehrwert geschaffen habe für meine Kundschaft oder für die Gesellschaft.
Mit der KI kann ich in wenigen Minuten oder Stunden eine ganze Website, Bilder, Videos, Musikstücke, Texte, Bücher, etc. generieren und das mit nur einem "Klick" resp. einer "Befehlszeile" (Prompt). Aber nicht alles, was möglich ist, ist auch gut für uns 🙂.
Das erinnert stark auch an ein Problem, dass wir bereits aus der "Agile" Community kennen: Es geht nicht um den "Output" (Ausgabe, Anzahl Aufgaben pro Einheit), sondern vielmehr um das "Outcome" (Ergebnis, Nutzen, Qualität).
Nehmen wir die Sicht der Enerige und Umwelt: da spricht aktuell praktisch alles gegen die KI. Obwohl die KI uns evtl. helfen könnte, dieses Problem zu lösen, was ich persönlich aber eher nicht glaube (siehe weiter unten warum).
Aus Sicht der sozialen Gerechtigkeit, sehe ich verschiedene Aspekte: KI kann Menschen befähigen und integrieren (z.B. Menschen mit Lese-/Schreib-Schwäche). Aber es gibt auch "Tabu"-Themen oder Schattenseiten, von denen wenig berichtet wird. Und nämlich die Versklavung und Ausbeutung von Menschen, von den sogenannten "Datenarbeitern".
Das sind die Menschen, die der KI helfen, dass illegale Inhalte möglichst nicht bis zum Endbenutzer gelangen (Training der KI). Weiteres grosses Thema ist auch der Bau von Datenzentren und die ungerechte Verhandlung von Landbesitz und Wasser Ressourcen in Gebieten, die wir wahrscheinlich kaum kennen.
Ich sehe auch eine Gefahr der weiteren "Abstumpfung" unserer menschlichen Nähe: wenn eine Person eine Mail noch selber schreibt oder einen Brief, Blog, was auch immer, was hat das noch für einen Wert? Wie wird diese Person behandelt? Weil sie wahrscheinlich "mehr Zeit" gebraucht hat, um einen Text zu selber zu schreiben,
wird sie vielleicht belächelt oder im schlimmsten Fall gekündigt, da zu wenig effizient. Wie gehen wir damit um? Lassen wir einen Lernprozess zu, ist das effizient?
Die ganze KI-Industrie ähnelt auch wenig der Kakao-Industrie: Menschen (auch Kinder) werden anderswo ausgebeutet, damit wir im Westen leckere Schokolade für möglichst wenig Geld geniessen können. Wir werden "effizienter" auf dem Buckel Anderer. Ist das dann wirklich effizienter, wenn man den ganzheitlichen Kontext betrachtet?
Oder ein anderes Beispiel: ist es effizient frische Erdbeeren aus dem Ausland in der Schweiz im Winter zu kaufen? Auch wenn der Preis "günstig" ist?
Es gibt noch weitere Perspektiven, die ich nicht gestreift habe, z.B. Qualität, Sicherheit, Datenschutz oder soziales Verhalten, wo nicht immer nur Effizienz gefragt ist. Vielleicht in einem nächsten Blog-Artikel, je nach KI-Fortschritt 🙂
Zusammenfassend ist aus meiner Sicht der Einsatz von KI nicht per se "effizient", zum Teil ist sogar das Gegenteil der Fall. Es geht vielmehr um die Fragen "was will ich erreichen und warum?" und um eine veranwortungsbewusste und sinnvolle Abwägung von Mitteln und Werkzeugen, welche zum Einsatz kommen könnten, die im Kontext der Gesamtheit zu einer wirklich guten Lösung beitragen werden.
Schlagwörter wie "Fake News", "Audio/Video Deep Fakes" oder "KI/AI Slop" sind alles Begriffe, die eine Problematik ansprechen, die ich unter der Kategorie "Wahrheit" und "Nutzen" einordne.
Es war einmal...eine Gruppe von Menschen, die das Internet erfunden haben um sinnvolle Informationen schneller miteinander teilen zu können.
Diese Idee ist nun leider in Gefahr und man ist je länger je mehr damit beschäftigt, Informationen auszusortieren und zu prüfen, was wirklich wirklich wahr ist. Was ist die Wahrheit? Was ist wirklich Sache?
Je mehr "Datenmüll" wir im Internet haben, desto schwieriger wird es, diese Fragen zu beantworten und desto unnützlicher wird das Internet in dieser Form. Deshalb glaube ich auch nicht, dass die KI uns das "Umweltproblem" lösen wird oder zumindest nicht alleine :).
Wir brauchen hier ein Umdenken, vielleicht sogar ein völlig anderes Denken, wie es Albert Einstein einmal gesagt hat:
"Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.". Ich denke hier an Ideen wie "Suffizienz (Genügsamkeit) im Alltag", "Mehr durch Verzicht" oder "Regenerative Landwirtschaft im digitalen Raum". Oder vielleicht einfach einen ganz bewussten Umgang mit dem Werkzeug "KI" finden.
Da können bereits jetzt alle was dazu beitragen um der "Verschmutzung" des Internets entgegenzuwirken und z.B. vor der Generierung von Texten, Bildern oder Videos zuerst überlegen, was der Mehrwert sein wird für das Zielpublikum oder die Gesellschaft.
Auch ich setze die KI praktisch täglich ein um bestimmte Teilschritte im Arbeitsprozess zu unterstützen. Ich teile hier ein paar Erfahrungen und Einsätze, wo ich die KI als sinnvolle Unterstützung erlebt habe und wo ich sie nicht geeignet finde. Nochmals: die beschriebenen Erfahrungen und Meinungen beziehen sich nur auf mich persönlich und treffen nicht zwingend auf alle im Team zu :).
Die Erfahrungen sind auch nur beschränkt auf meine Rollen als Software-Entwickler und Leiter Entwicklung und deshalb auch eher "technisch" beschrieben. Auch ist zu beachten, dass die beschriebenen Fälle wie gut diese funktionieren, stark abhängig sind vom Einsatz des jeweiligen KI-Modells (LLM). Ich verwende aktuell eine IDE, wo ich mehrere Modelle und Agents einsetzen kann.
Also ready steady go:
Bei den folgenden Anwendungsfällen sehe ich die KI als gute Unterstützung:
Schreiben von Regex und Apache httpd Rewrite Rules: da kann die KI super helfen und man kann die Regex-Ausdrücke auch via Unit-Tests mit den relevanten Fällen auto. durchtesten lassen.
Unit Tests schreiben: Da hilft die KI sehr und man kann anschliessend die Fälle prüfen und auch Weitere ergänzen
Grössere Codebase erklären lassen: die KI ist gut im erklären, was der Code macht und welche Zusammenhänge es noch gibt
Code Refactoring: Funktioniert im Grundsatz gut, hier ist aber vor allem wichtig, dass man einen guten Plan beschreibt, damit die ganze Software-Architektur auch gut zusammenpasst, aber wenn gegeben, dann hilft die KI gut mit
Technologie Upgrades: Funktioniert auch gut, vor allem bei gut dokumentierten und weit-verbreiteten Technologien, z.B. konnte die KI eine Frontend Build-Pipline von Gulp 3.x auf Gulp 5.x ohne grössere Probleme umschreiben.
Frontend mit Tailwindcss: Das Generieren von Frontend-Prototypen mit Tailwindcss anhand von Layout-Bildern funktioniert auch gut, ggf. sind noch minimale Anpassungen oder Optimierungen nötig abhängig welche Frontend Guidelines man hat
Generell schreiben wir auch spezifische Guidelines, die von den KI-Agenten benützt werden (z.B. AGENTS.md) um so den Kontext besser zu beschreiben. Dies führt meist zu besseren Resultaten.
Bei folgenden Anwendungsfällen vermeide ich aktuell den Einsatz der KI:
Grundlage für ein neues Projekt generieren: Hier könnte die KI sicher auch gut helfen, aber es macht aus meiner Sicht meistens keinen Sinn die KI hierfür einzusetzen, weil grad die Grundpfeiler eines Projekts müssen vom Dev-Team gesetzt werden. Hierfür gibt es bereits auch genügend sogenannte "Generatoren" um Projekte schnell aufzusetzen. Diese sind viel effizienter und wir sparen so ein wenig KI-Tokens und CO2.
Neos Fusion/AFX Code schreiben: zum aktuellen Zeitpunkt funktioniert das noch nicht gut, da eher wenig verbreitet
Ein Button von blau zu rot färben: da würde man sagen: "Mit Kanonen auf Spatzen geschossen".
Kleiner Exkurs zur Mail Inbox-Verwaltung:
Es gibt mittlerweile auch viele Werkzeuge, die das "Mail schreiben und verwalten" "effizienter" machen sollen, z.B. Google's KI um Mails zu schreiben, zusammenzufassen und vieles mehr. Dazu meine kurze, persönliche Meinung: Braucht es nicht :) Lasst uns hier die KI-Energie sinnvoller einsetzen als für Mails.
Warum? Ganz einfach: Wenn ich zu viele Mails habe, ist das für mich kein Effizienz-Problem, sondern vielmehr ein Fokus-Problem (ganz gemäss dem Buch von Cal Newport "Deep Work").
Also lerne ich einfach "Nein" zu sagen, lerne zu delegieren, lösche unnötige Mails direkt (ggf. Auto-Filter einsetzen), melde mich von Listen ab, oder freunde mich mit dem Gedanken an, dass ich nicht allen sofort antworten muss (und so vielleicht unangenehme Feedbacks riskiere).
Mails, die wichtig sind, sind es auch wert selbst geschrieben zu werden. Punkt. Fertig.
Ich finde es wichtig zu erwähnen, dass nebst den bekannten, grossen KI Anbietern es auch andere Modelle gibt, die die ganze LLM-Landschaft ein wenig diversifizieren und in Zukunft vielleicht andere Entwicklungen ermöglichen. Zum Beispiel gibt es das Projekt "Apertus" der EPFL, ETH Zürich und der Swiss National Supercomputing Centre (CSCS).
Weitere Alternative bieten auch Proton oder Infomaniak.
Zudem gibt es verschiedenste Open-Source LLMs auf der HuggingFace-Plattform zu finden, die frei zugänglich sind.
Im digitalen Raum allgemein gibt es weitere gute alternative Lösungen oder Ansätze in den verschiedensten Bereichen.
Hier nur einige Beispiele:
Browser: Firefox, Vivaldi oder Ladybird
Open Street Map: offene, transparente Karten, das "Wikipedia der Karten", Google Maps Alternative
Das Sustainable Web Design Model und Manifesto um CO2-effiziente Websites zu entwicklen
Das Open Data Institut (ODI) das sich für eine offene Internet Daten-Architektur einsetzt
Solid Projekt: ein Protokoll um den Benutzer des Internets wieder die volle Kontrolle über ihre Daten zu geben, nicht die Firmen besitzen die Daten, sondern die Benutzer können explizit Daten freigeben, die sie teilen wollen, könnte ein spannender Lösungsansatz sein für z.B. das e-Patientendossier in der Schweiz
e-ID: Web of Trust Ansatz, Self-Sovereign Identity (SSI), Decentralized ID (DID)
Nostr oder Mastodon: das dezentrale Netz um Kurz-Informationen zu teilen (Twitter/X Alternative) von Mensch-zu-Mensch
Threema: datenarme WhatsApp Alternative
Matrix: offene, dezentrale Kommunikationsplattform
Ich denke es ist wichtig, dass man weiss, dass es Alternativen gibt und man sich frei entscheiden kann, was man einsetzen möchte. Ganz nach dem Grundgedanken der Erfinder des Internets. Es gibt also mehr als nur "Google/Microsoft/Meta&Co." und "ChatGPT&Co.". Ich spreche hier auch gerne von den "Bio" Technologien :).
Ich habe diesen Blog-Beitrag bewusst "von Hand" geschrieben (in einem einfachen Texteditor, kein Word&Co., fast wie auf Papier :)). Warum? Kurz: weil es mir wichtig war.
Längere Erklärung:
Aus der Hirnforschung wissen wir, dass unser Gehirn stärker stimuliert wird, wenn wir Texte selber schreiben. Unser Gehirn setzt verschiedene kognitive Fähigkeiten ein, die auch gut sind für unsere Gesundheit. Zudem ist es auch meditativ, wenn man sich Zeit nimmt für Themen, darüber nachdenkt, darum ringt, die richtigen Worte zu finden, sein Herz sprechen zu lassen, was auch gut ist für unsere Gesundheit.
Mit der KI wäre ich wahrscheinlich schneller gewesen, hätte aber diesen ganzen Prozess des Schreibens "verpasst".
Das wollte ich nicht, weil: Während der Zeit des Schreibens hatte ich etliche Begegnungen, Erlebnisse und Gespräche mit Menschen, auch zum Thema KI, und konnte diese "Inputs" hier grad einfliessen lassen.
Das war es mir wert. Ganz nach unserem Motto: leidenschaftlich digital, menschlich nah.
von einem echten Menschen mit Herz geschrieben 🙂